ZAUNGAST AM REISSBRETT - Meier v. 02.2008

Kommentar zur Heidelberger Bahnstadt von Astrid Möslinger

Wer zahlt, bestimmt. So heißt eine einfache Regel, die anscheinend
nur außerhalb Heidelbergs gilt. In der Stadt mit Elite-Uni denkt man
komplexer und stellt solche simplen Gesetze schon mal auf den Kopf.

So geschehen bei der Finanzierung der künftigen Bahnstadt, einem Areal,
das mit 116 Hektar das größte Stadtentwicklungsprojekt in Europa ist.
Der Gemeinderat hat jetzt entschieden, die Regie für die Bebauung von
60 Prozent dieses Terrains einem privaten Konsortium zu überlassen
und dieses Projekt – man kann es kaum glauben – mit 50 Millionen Euro
aus der Stadtkasse zu bezuschussen.
Damit will die Stadt die vom Konsortium
selbst errechneten Verluste ausgleichen. Das soll sicherstellen, dass der von
den Stadträten favorisierte Entwicklungsplan, wenn auch verwässert, realisiert wird.
Das ist natürlich blauäugig. Denn zum einen hat das Konsortium seine
Verluste großzügig kalkuliert, indem es bei den Erlösen von Grundstückpreisen
ausgeht, die unter dem Heidelberger Niveau liegen.
Zum anderen wird die Stadt mehr oder weniger die Rolle des Zaungastes übernehmen, wenn erst einmal die Baufahrzeuge über das Gelände rollen.

Richtig mitreden könnte die Stadt nur, wenn sie die Grundstücke,
deren Gutachterwert bei 38 Millionen Euro liegt, selbst gekauft hätte.
Und dabei hätte sie ganz andere Qualitätsstandards setzen können, weil
sie nicht wie ein privater Unternehmer renditeorientiert arbeiten muss.

Diese Chance haben die Heidelberger Stadträte fahrlässig verspielt. Jetzt
gelten die Regeln der Banken und Investoren, die anscheinend zu simpel
sind, um vom Heidelberger Politiker wahrgenommen zu werden. Das Ergebnis
in der Bahnstadt wird wohl Einfachstarchitektur sein. Wie trostlos
solche privat entwickelten Stadtquartiere aussehen, zeigen die toten
Reißbrettstädte, die in Karlsruhe und München auf ehemaligen Bahngrundstücken entstanden sind. Schade eigentlich, dass die baden-württembergische Gemeindeordnung das Instrument des Bürgerentscheids kaum vorsieht. Denn es ist nicht vorstellbar, dass die Mehrheit der Heidelberger
dem 50-Millionen-Euro-Zuschuss, finanziert durch ihre Steuergelder,
so leichtfertig zugestimmt hätte wie die Gemeinderatsfraktionen
des Bürgerlichen Lagers, der SPD und der Grünen. ASTRID MÖSLINGER

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