
Am Mittwochabend traf der Haupt- und Finanzausschuss in nicht-öffentlicher Sitzung zwei weitreichende Entscheidungen: Ein Konsortium soll den neuen Stadtteil Bahnstadt, eine 116 Hektar große Brache am Hauptbahnhof (Bild links), entwickeln. Zugleich sollen die 610 städtischen Wohnungen am Emmertsgrund nicht verkauft werden. Fotos: hen/heidelberg-ballon.de
Von Micha Hörnle
Innerhalb von zweieinhalb Stunden erreichten zwei Pressemeldungen der Stadtverwaltung die RNZ: Meldung 1: OB Eckart Würzner ist überraschenderweise dagegen, dass die stadteigene Wohnungsfirma GGH die 610 Wohnungen im Emmertsgrund an den Investor “Dreges” verkauft. Außerdem gab es im Haupt- und Finanzausschuss bei seiner Mittwoch-Sitzung eine Mehrheit gegen den Verkauf. Deswegen empfiehlt der OB der GGH, keine weiteren Verkaufsgespräche zu führen. Meldung 2: Die hochkomplizierte und heiß diskutierte Frage, ob die EGH (kurz für “Entwicklungsgesellschaft Heidelberg”), ein Konsortium aus LBBW Immobilien, Sparkasse und GGH, die Bahnstadtflächen ankauft und erschließt, ist entschieden: Einstimmig ist der Ausschuss für diese Variante. Ist das ein Zufall?
Nein, sagen manche Ausschussmitglieder, sie sprechen sogar ausdrücklich von einem “Deal” oder “Kuhhandel” zwischen SPD und OB Würzner. Manche reagieren richtig sauer wie Klaus Pflüger (Freie Wähler), der sogar meinte, nun sei Würzner erpressbar geworden, weil er immer breite Mehrheiten wolle. Von einem Eindruck, dass da vorher gemauschelt wurde – und zwar zwischen Würzner und der SPD – sprechen auch Annette Trabold (FDP), Wolfgang Lachenauer (”Heidelberger”) oder sogar Barbara Greven-Aschoff (GAL-Grüne). Jan Gradel (CDU) kann wenigstens noch Absprachen im Vorfeld verstehen, damit die Fraktionen ihre Projekte nicht blockieren, aber “diese 180-Grad-Drehung hat uns alle überrascht und entsetzt”. Trabold fragt sich indessen, “wie ein solcher Handel denn in der Öffentlichkeit ankommt”. Die SPD wiederum bestreitet, dass es einen solchen “Deal” gegeben habe, so Fraktionschefin Anke Schuster. Es habe lediglich, wie mit jeder Fraktion, “konstruktive Gespräche mit dem OB” gegeben.
Das Resultat der “konstruktiven Gespräche”/des “Deals”/der “180-Grad-Drehung” sieht demnach so aus: Würzners großes Ziel ist, die Bahnstadt schnell voranzubringen, und für ihn geht das mit der EGH am schnellsten. Außerdem wünschte sich die EGH eine breite Mehrheit. Und zu der fehlten SPD und GAL-Grüne, die eigentlich dafür waren, dass nicht die EGH, sondern die Stadt selbst die Bahnstadt entwickelt. Zugleich waren die SPD und Teile der Grünen strikt gegen den Verkauf der Emmertsgrundwohnungen, und hier gab Würzner nach.
Würzner wiederum bestreitet, dass es einen “Kuhhandel” gegeben hätte, er erklärt seinen Sinneswandel in Sachen Emmertsgrund so: Eigentlich sei er für den Verkauf der 610 GGH-Wohnungen gewesen. Als aber dann bekannt wurde, dass die Baugenossenschaft “Neu Heidelberg” – die übrigens SPD-dominiert ist – bereits ihre 307 Emmertsgrund-Wohnungen an denselben Investor verkauft hat, da habe er gefunden, “dass ein solches Volumen auf ein Mal zu viel ist”, es wäre “kein richtiges Signal” gewesen, wenn zwei Wohngesellschaften dort ihre Wohnungen loswerden wollten. Und außerdem habe es für den Verkauf keine klare Mehrheit gegeben – “und eine Kampfabstimmung wäre für die Stimmung im Emmertsgrund nicht gut gewesen”, so Würzner.
Diese befürchtete Kampfabstimmung gab es aber dann doch im Ausschuss: mit sieben Stimmen gegen den Verkauf, sechs dafür und einer Enthaltung – wobei die entscheidende Stimme gegen den Verkauf von Lachenauer kam (der aber eigentlich für den Verkauf ist, aber Würzner beistehen wollte). Lachenauer begründet seine persönliche 180-Grad-Drehung so: Nun könne man erst einmal auf dem Emmertsgrund Erfahrungen mit den von “Neu Heidelberg” privatisierten Wohnungen sammeln: “Dann sind auch die Ängste weg, der Widerstand bricht zusammen, und vielleicht gibt es dann in ein paar Jahren wieder eine Möglichkeit zum Verkauf.” Also: aufgeschoben und nicht aufgehoben.
Das Argument vom breiten Konsens zieht für Würzner auch in die Bahnstadt. Dort hätten “Klärungsprozesse und enorme Zwischenschritte” die EGH-Zweifler dazu gebracht, doch noch zuzustimmen. Nur die Zweifler kämpfen noch mit ihrem Sinneswandel. Barbara Greven-Aschoff (Grüne) spricht vom “Durchringen”, wenn sie ihre Zustimmung meint, aber die kam auch nur deswegen zustande, weil in der Bahnstadt ein neues regeneratives Energiekonzept angewandt werden soll. Außerdem soll in der Bahnstadt der Anteil an preiswerten Wohnungen von 20 auf 25 Prozent erhöht werden (zu zahlen hätte das die GGH). Wenn diese Anträge nicht durchkommen, so kündigt sie an, “dann werden wir dagegenstimmen”. Offenbar gab den Ausschlag, dass SPD und GAL für ihre favorisierte Variante (Stadt entwickelt statt EGH) keine Mehrheit bekommen hätten. Und Anke Schuster (SPD) erklärt ihren Sinneswandel für die EGH damit, man habe OB Würzner einen “Vertrauensvorschuss geben” wollen.